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Zurück zu G9 - FR Artikel 07.02.14

Zurück zu G9
Von SANDRA BUSCH
Viele Schulen in Hessen verabschieden sich vom Turbo-Abitur G8. Eltern können künftig überall in Hessen zwischen beiden Wegen wählen. Wir erklären, wie der Wechsel von G8 zu G9 funktioniert.

Vergangenes Jahr waren es fünf. In diesem Jahr werden es sieben sein. Mindestens. Nur zwei Jahre nachdem die Rückkehr zu G9 in Hessen möglich ist, werden mehr als zwei Drittel der Frankfurter Gymnasien wieder den neunjährigen Weg zum Abitur anbieten. Der Abschied von G8 fällt leicht: „Wunderbar“, findet es Sabine Brieske, Leiterin der Liebigschule – ihre Kollegin Sabine Pressler an der Leibnizschule ist „einfach froh“, dass der Antrag auf G9 nun endlich genehmigt wurde.

Denn nichts hat die Gemüter der Gymnasialeltern in den vergangenen Jahren so erhitzt wie G8: überbordende Stundenpläne, zu lange Schultage, zu wenig Zeit für Orchester, Sport und Freundschaften. „Das Problem war der Nachmittagsunterricht, er war sehr belastend“, sagt Stefan Neureiter von der Elisabethenschule – ab kommendem Schuljahr wieder G9-Gymnasium. Deshalb sei es ein großer Wunsch der Eltern gewesen, wieder zu G9 zu wechseln.

"Umfassende Bildung"
So wie auch an anderen Schulen. An allen Rückkehrer-Schulen wurde gemeinsam mit Eltern, Schülern, Lehrern und Schulleitung die Entscheidung für G9 gefällt. Ganze Stadtteile haben sich in die Diskussion der Schulgemeinden eingeschaltet. Julia Hanauer hat beispielsweise in Bergen-Enkheim in Kindergärten und Grundschulen Unterschriften dafür gesammelt, dass die Schule am Ried zu G9 wechseln soll. 430 Familien haben für fast 600 Kinder unterschrieben. „Die Eltern potenzieller Riedschüler haben uns fast den Stift aus der Hand gerissen“, sagt Hanauer.
Im nächsten Schuljahr kehren hessenweit 22 Schulen zur längeren Gymnasialzeit G9 zurück. Diese Zahl ist allerdings nicht endgültig. Kultusminister Alexander Lorz (CDU) erwartet, dass bis Ostern alle wechselwilligen Schulen bekannt sein werden.

Die Schulgemeinde hat es registriert – die Schule am Ried kehrt ebenfalls in diesem Jahr zu G9 zurück. Genau wie Helmholtz-, Wöhler- und Musterschule. Doch nicht jede Schule will alles aus der G8-Zeit nun in die Tonne hauen. Gute Ansätze will man durchaus behalten. „Es ist nachgewiesen, dass ein früher Beginn für das Erlernen von Fremdsprachen besser ist“, sagt Brieske. Deshalb werde auch weiterhin am Liebig in der sechsten Klasse mit der zweiten Fremdsprache gestartet – und nicht wie bei G9 vorgesehen in der siebten. In der Leibnizschule wird es ebenfalls weiterhin ab Jahrgangsstufe sechs Französisch in einer Profilklasse geben.

Durch die verlängerte Mittelstufe erhoffen sich die Schulleiter vor allem mehr Zeit für die Kinder. Zeit, um die freiwilligen Nachmittagsangebote nutzen zu können. Debattierclubs, Zirkus, Sport – die Auswahl ist vielfältig. „Da geht es um eine umfassende Bildung, um eine musische und kulturelle“, sagt Brieske. „Das wurde während G8 deutlich weniger angenommen.“

Mehr Lehrerstunden
Ob das bei G9 aber wirklich anders sein wird, das kann auch Claus Wirth noch nicht sagen. Er ist Schulleiter des Goethe-Gymnasiums, das bereits in diesem Schuljahr zu G9 zurückgekehrt ist. „Doch bei den fünften Klassen ist der Unterschied zwischen G8 und G9 noch marginal“, sagt er. Bisher habe es daher keine Probleme bei der Umstellung gegeben. „Die schwierige Phase kommt erst noch“, prophezeit er.

Dann, wenn der letzte G8-Jahrgang in die elfte Klasse kommt und der erste G9-Jahrgang in die zehnte. Da die zehnte G9-Klasse nun zur Mittelstufe zählt, „haben wir ab diesem Zeitpunkt nur zwei Oberstufenjahrgänge.“ Und zwar drei Jahre lang. Ein Problem für die Schulen. Denn für die Oberstufe werden mehr Lehrerstunden angesetzt. „Da geht es um den Minderbedarf von vier Lehrerstellen“; sagt Wirth. „Doch was passiert mit denen in den drei Jahren? Werden die abgeordnet?“ Wirth richtet sich daher bereits jetzt auf eine langfristige Personalplanung ein.

Langfristig gesehen muss auch wieder ein Jahrgang mehr an den Schulen untergebracht werden – bei steigenden Schülerzahlen in Frankfurt. Wer einen Antrag auf G9 stellte, durfte daher keine zusätzlichen Räume von der Stadt verlangen. „Das wäre einfach nicht gegangen“, sagt Martin Müller-Bialon, Referent im Schuldezernat. Doch die Schulen hätten ja vorher schon G9 gehabt und damals bereits neun Jahrgänge unterbringen können.

"Kreative Lösungen"
Doch der Unterschied zu früher: Einige Schulen mussten aufgrund der steigenden Schülerzahlen mehr Klassen aufnehmen. So wie die Leibnizschule. Statt fünf- ist sie inzwischen sechszügig. „Deshalb haben wir gleich gesagt, wir könnten nur zu G9 zurück, wenn die Zügigkeit verringert wird“, sagt Pressler. Zwei Jahre lang, bot die Schulleiterin der Stadt an, könne es mit G9 und der Sechszügigkeit gutgehen. „Länger geht es nicht, dafür fehlen einfach die Räume.“

Die Stadt ließ sich darauf ein. Denn: „In zwei Jahren haben wir einen neuen Schulentwicklungsplan“, sagt Müller-Bialon. Es sei davon auszugehen, dass der ein neues Gymnasium für Frankfurt beinhalte. „Dann wird es nicht mehr nötig sein, dass einige Schulen zusätzliche Klassen aufnehmen.“
Grundsätzlich begrüßt das Schuldezernat, wenn Schulen nicht einfach neue Räume fordern, sondern „kreativ nach Lösungen“ suchen. So wie das Gymnasium Riedberg. Die Schule hat erst diese Woche ihren Antrag auf G9 eingereicht, er muss noch genehmigt werden. Im Unterschied zu den anderen Frankfurter Schulen war das Gymnasium aber nie auf G9 eingerichtet. Es wurde als G8-Gymnasium gebaut. „Deshalb ist es bei uns nicht ganz so einfach“, sagt Schulleiter Helmut Kühnberger. „Wir werden mit dem Platz hinkommen, aber es ist nicht ideal.“

Die zehnten Klassen werden künftig wohl „Wanderklassen“ sein und keinen eigenen Raum mehr haben. Unterrichtet wird in Fachräumen und in den Klassenzimmern anderer. Kühnberger kann sich auch vorstellen, den Schultag für diesen Jahrgang später zu beginnen – und entsprechend lang in den Nachmittag hinein zu unterrichten. „Aber es ist ja ohnehin erwiesen, dass acht Uhr viel zu früh für die Schüler ist“, meint Kühnberger. „Von daher kommt das den Kindern sogar entgegen.“

Ungenutzte Neubauten
Das Schuldezernat freut solche Ideen. Denn unverändert zu G9 zurückkehren? „Dann sind wir wieder bei der Halbtagsschule – über die sich sicher ein Teil der Lehrer freuen würde, weil er dann wieder mittags nach Hause gehen kann“, sagt Müller-Bialon. Doch für das Dezernat hat das auch etwas mit Wirtschaftlichkeit zu tun. „Wenn alle mittags nach Hause gehen, dann werden die ganzen neu gebauten Mensen nicht genutzt“, sagt Müller-Bialon. „Das wäre ein Fiasko.“

Zumindest an der Liebigschule aber setzt man darauf, dass die Schüler das freiwillige Nachmittagsangebot nutzen und über Mittag bleiben. Und hofft daher auch, dass die derzeit zu kleine Mensa ausgebaut wird.

Was aber dort wie auch an allen anderen Schulen nicht klar ist: Wie wird mit den derzeitigen fünften und sechsten Klassen verfahren. In der Koalitionsvereinbarung von CDU und Grünen in Hessen wird in Aussicht gestellt, dass auch sie unter bestimmten Voraussetzungen zu G9 zurückkehren können.

Datum:  21.02.2014
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